14.06.18 – Vortrag: In antisemitischer Gesellschaft

Wer die öffentlichen Berichterstattungen und Diskussionen über Antisemitismus aufmerksam verfolgt, den beschleicht unweigerlich das Gefühl, in einer Endlosschleife der immer gleichen Diskussionen gefangen zu sein. So wird entweder anlässlich von Äußerungen bekannter Politiker, Journalisten oder Autoren, die Frage hin- und hergewälzt, ob diese Äußerungen antisemitisch waren oder nicht, wobei sich am Ende stets ein Experte findet, der das genauer differenziert wissen will. Oder aber, es ist gerade eine Studie erschienen, die eine erschreckend hohe Zustimmung zu antisemitischen Ansichten feststellt, worüber die einen sich stets aufs Neue erstaunt und erschrocken die Augen reiben, während die anderen der Studie die Seriosität absprechen.
Jenseits der politischen Implikationen besteht das Grundproblem beider Diskussionen darin, dass sie im Kern stets um die Frage einer adäquaten, operationalisierbaren (und konsensfähigen) Definition des Antisemitismus kreisen. Operationalisierbar lässt sich der Antisemitismus aber alleine schon deswegen nicht definieren, weil sich seine konkreten Erscheinungsformen ständig wandeln. Und ihn adäquat zu bestimmten, scheint auch deswegen schwierig, weil er sich konkret stets gegen Juden richtet, obgleich er mit deren empirischen Verhalten nichts zu tun hat. So kann er wiederum nur als individueller Wahn erscheinen, dessen gesellschaftliche Verbreitung (und Akzeptanz insbesondere als Israelkritik) letztlich rätselhaft bleiben muss.
Der Vortrag wird versuchen zu explizieren, warum es anstelle einer Definition des Antisemitismus darauf ankäme, die innere Logik des Antisemitismus nicht als eine lose Ansammlung von Vorurteilen, sondern als eine falsche (und freilich brandgefährliche) Theorie über die Grundkategorien der unvernünftigen Gesellschaft zu begreifen: Geld, Kapital, Weltmarkt und Staat. Es wird also darum gehen, das innere Verhältnis von Wahn und Realitätstauglichkeit im Antisemitismus zu entfalten, der sich in seinen Konsequenzen stets gegen die Existenz von Juden und ihren Staat richtet, mit deren empirischem Verhalten er aber praktisch nichts, mit einer wahnhaften Rationalisierung einer unbegreifbaren Gesellschaft dafür aber umso mehr zu tun hat.

Leo Elser ist Autor und Redakteur der Zeitschrift Pólemos.

Die Veranstaltung findet mit der finanziellen Unterstützung des Studierendenrates Tübingen statt.

Donnerstag 14.06.2018, 18 Uhr c.t.
Ort: Hegelbau, Wilhelmstrasse 36, 72074 Tübingen, Großer Übungsraum


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