31.01.2018 – Jour fixe: Materialismus und Moral

Materialismus und Moral oder lässt sich aus dem Sein auf ein Sollen ableiten?

Seit David Hume gehört es zum philosophischen Gemeingut, dass aus dem Sein kein Sollen folgt, dass also nur weil etwas ist, es nicht zugleich gut ist. Damit ist die Trennung von normativer und deskriptiver Theorie eingeleitet, wonach Moralphilosophie die Frage danach, wie ich handeln soll aus Prinzipien zu beantworten versucht und die Wirklichkeit nur als Beispiel herbeizitiert. Hegel hatte dies bereits gegen Kant, dessen kategorischer Imperativ dieses Verständnis von Moral zur Perfektion gebracht hat, kritisiert: Das Postulat eines reinen Sollens, so Hegel, müsse dazu führen, dass man schlechterdings gar nicht mehr Handeln kann und somit das was Moralphilosophie zu beanspruchen versucht – eine Orientierung des Handelns zu bieten – verfehlt wäre. Während Hegels Kritik für konservative Vereinnahmung offen steht, formuliert eine materialistische Theorie im Anschluss an Marx und Engels eine anders gelagerte Kritik der Trennung von normativer und deskriptiver Theorie: Wenn das gesellschaftliche Sein, das Bewusstsein bestimmt, dann sind auch die normativen Grundsätze und selbst noch das formale Prinzip des kategorischen Imperativs Resultat der vorherrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse und damit das Normative und das Deskriptive nicht voneinander zu trennen. Entsprechend gehen Marx und Engels gegen jene sozialistischen Strömungen hart ins Gericht, die aufgrund normativer Erwägungen und die Berufung auf Menschenrechte soziale und politische Forderungen aufstellen. Ein Widerhall dieser Debatten findet sich im 20. Jahrhundert etwa in den Auseinandersetzungen zwischen Sartre und Althusser oder Foucault und Chomsky und auch die frühe „Frankfurter Schule“ rang damit, wie das Verhältnis von Materialismus und Moral (Horkheimer) zu bestimmen sei. Heute scheinen diese Erwägungen und Debatten keine Rolle mehr zu spielen: Axel Honneth als Vertreter der „dritten Generation“ der Kritischen Theorie schreibt über die Idee des Sozialismus, Gesellschaftstheorie scheint dabei durch Gerechtigkeitstheorie ersetzt worden zu sein. Zugleich berufen sich strömungsübergreifend Linke positiv und uneingeschränkt auf Menschenrechte, dabei fällt die öffentlich geführte Debatte über ein Recht auf Migration zumeist hinter die Einsicht der Punkband „Die Goldenen Zitronen“ zurück, die bereits vor 12 Jahren feststellten: „Über euer scheiß Mittelmeer käm ich, wenn ich ein Turnschuh wär. Oder als Flachbild-Scheiß – ich hätte wenigstens ein‘ Preis“. Ähnlich hilflos wird gegenwärtig ein Streit um Meinungsfreiheit an Universitäten geführt, bei der politische Positionen zugunsten moralisierender Argumente unsichtbar gemacht werden. Vor diesem Hintergrund möchte ich gerne mit euch über das Verhältnis von kritischer Theorie und Moral diskutieren.


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